Historisches Raster

Das Projekt setzt ein mit jener – in den Kultur- und Sozialwissenschaften der letzten Jahrzehnte immer wieder beschriebenen – Zäsur, die um 1800 die westeuropäische Kultur grundlegend transformierte. Die Jahrzehnte um 1800 stellen auch für die Geschichte der Psychiatrie und Psychotherapie eine zentrale Wendezeit dar, in welcher ‚die Irren’ überhaupt zum Gegenstand ärztlicher Heilkunst werden und sich die Frühformen der institutionalisierten Psychiatrie formieren. Obgleich es bereits seit der Antike und vor allem seit dem Mittelalter Berührungspunkte zwischen Schauspiel und medizinischen Heilpraktiken gab, wird Theatrotherapie doch zeitgleich mit den ersten Konzepten eines „moral treatment“ und einer „psychischen Cur“ gezielt eingesetzt und erprobt.

Das Forschungsprojekt will die Entwicklung theatertherapeutischer Praktiken und Theorien bis hin zu ihrer institutionellen Etablierung in den 1970er Jahren verfolgen und anhand von drei historischen Paradigmen untersuchen:

1.) „1800“ – Erziehung
Für die frühe Theatrotherapie ist es signifikant, dass sie die Rahmung der Inszenierung unsichtbar macht. Der Patient findet sich in einem Illusionstheater wieder, dessen performativer Status systematisch verschleiert wird, um auf diese Weise eine paternalistische, den Patienten zum Patienten erziehende Kommunikationsstruktur zu etablieren.

2.) „1900“ – Kontrolle
Populäre Bühnenhypnosen, die Präsentation hysterischer Symptome oder der Wirkungsmacht ärztlicher Suggestionen in den klinischen Vorlesungen sind Demonstrationen einer zunehmenden Asymmetrie, die auf die Erprobung einer allmächtigen Kontrolle durch den behandelnden Arzt-Regisseur hinweisen. Im Therapeutischen Theater und der Psychoanalyse finden diese Kontrollmomente in Fragen der Handlungsmacht und des räumlichen Settings gleichermaßen ihre Fortsetzung wie grundlegende Kritik.

3.) „1970/2000“ – Flexibilisierung
Ab den 1970er Jahren haben sich eine Reihe von Theatrotherapien auf dem therapeutischen Markt etabliert. Vor allem durch die breite Rezeption und Weiterentwicklung des Psychodramas von Moreno zeichnet sich nun eine weitere strukturelle Verschiebung der Theatrotherapien ab: Die „Flexibilisierung“ des Patienten wird u.a. durch eine Plurifikation der Handlungs- und Beobachtungsoptionen, eine Auflösung der strikten Trennung von Zuschauer- und Bühnenraum etc. erreicht. Die Anpassungs- und Selbstmanagementfähigkeit des Patienten soll maximiert werden.